Magenkrebs und Speiseröhrenkrebs überleben
Magenkrebs und Speiseröhrenkrebsüberleben

Nach der Operation

Meine Erinnerung setzt mit einem sehr abrupten Aufwachvorgang ein:

 

jemand sagt: "oh, der ist ja schon soweit!" und zieht mir einen Schlauch aus der Kehle. Ich würge kurz und will gerade wieder einschlafen, als ich gleichzeitig meine Frau neben mir erkenne und einen furchtbaren Schmerz in der Schulter spüre. Irgendwie gelingt es, sie anzusprechen und auf den unerträglichen Schmerz aufmerksam zu machen. Sie geht kurz weg, wohl um jemanden zu holen, kommt sofort wieder und massiert etwas meine Schulter. Sofort werden die Schmerzen weniger. Erstaunt stelle ich noch fest, dass mir sonst ja gar nichts weh tut, und schlafe wieder ein.

 

Die nächsten 24 Stunden sind ein Wechsel aus kurzen Wachphasen und viel Schlaf. Erst am nächsten Abend kann ich mich länger mit meiner Frau unterhalten, und ich nehme auch die Umgebung besser wahr. Es scheint mir so, dass die Gabe von Schmerzmitteln sehr bald auf ein niedrigeres Niveau gefahren wird, und stattdessen bekomme ich eine Schmerzpumpe, mit der ich nur bei Bedarf per Knopfdruck auslösen kann, dass ein kleiner zusätzlicher Stoß Schmerzmittel in meinen Venenzugang abgegeben wird. Im Laufe der nächsten 2-3 Tage stellt mich das immer wieder vor die Entscheidung, lieber etwas mehr Schmerzen zu akzeptieren und dabei wacher zu bleiben, oder die Schmerzen abzuschalten und mich damit "abzuschießen".

Das bleibt eine Gratwanderung, bis ich nach schon(!!) 5 Tagen auf die normale Station zurückverlegt werde.

Bis dahin fühlte ich mich wirklich kaum lebensfähig. Alles voller Kabel, Schläuche, Drainagen und sogenannten Schmerzkathetern. Die waren immer meine  Lieblingsschläuche, denn durch sie wurden Schmerzmittel direkt in den Bereich meiner OP-Wunden geleitet. Aber nun werden sie nach und nach entfernt. Und prompt fangen die Wunden an, ziemlich weh zu tun. 

Zwei Tage später kommt eine Dame vom "Schmerzmanagement" zu mir und erklärt, sie würde nun meine Schmerzmittel in den nächsten Tagen vorsichtig reduzieren und gleichzeitig optimieren.

Und tatsächlich werden meine Schmerzmittel ganz langsam reduziert. Ohne dass ich die Dame jemals wiedersehe. Und zwar so lange, bis ich vor Schmerzen fast verrückt werde und - ganz gegen meine Natur - irgendwann einer armen Nachtschwester androhe, ein fürchterliches Theater zu veranstalten, wenn ich nicht sofort das Schmerzmittel von vorgestern zurück bekomme. 

Jaaa, da müsste sie erstmal jemanden vom Schmerzmanagement....

Gar nichts müsste sie, ich will sofort , SOOOFORT!!!, oder ich würde meine Frau in 10 Minuten mit einer großen Flasche Novalgin-Tropfen hier auflaufen lassen!!

Und schon ging's :)

 

Deshalb dies nur als Hinweis:

wenn man richtig Schmerzen hat, muss man sich manchmal auch dementsprechend benehmen, sonst kriegt man gar nix! Aber wirklich nur im Ausnahmefall, sonst hat man schnell seinen Ruf als "Wehwehchen" weg :)

 

Der weitere Krankenhausaufenthalt ist geprägt von täglichen Verbesserungen und Erleichterungen:

  • die Drainagen werden innerhalb weniger Tage nach und nach entfernt, und ich kann endlich wieder auf beiden Seiten schlafen. 
  • ich beginne, vorsichtig wieder zu essen. Zunächst Wasser, Tee, Pudding, dann Weißbrot, Kartoffeln, Nudeln, Gemüse, und schon nach einer Woche esse ich  das ganz normale Krankenhausmenü. Ich finde das sensationell!
  • meine Schmerzmittel sind inzwischen fast völlig abgesetzt, nur das Schmerzpflaster in sehr niedriger Dosierung bleibt mir erhalten.

Etwas mehr als 2 Wochen nach meiner Operation kommt die ganze Ärztemeute mal wieder zur frühmorgendlichen Visite. Diesmal eine außergewöhnlich große Versammlung, und alle stellen sich so seltsam auf, als sollte jemandem zum Geburtstag gratuliert werden.

Und das Unfassbare passiert:

der Oberarzt verkündet mit feierlicher Miene, dass das Ergebnis meiner pathologischen Untersuchung vorliegt. Abgesehen von dem Tumor gibt es keine Krebszellen in den untersuchten Schnittstellengeweben, alle untersuchten Lymphknoten und sonstigen Proben sind sauber, und es besteht keinerlei Indikation für eine weitere Chemo. Und da man hier jetzt nicht mehr viel für mich tun könne und ich ja "praktisch gesund" sei, dürfe ich nach dem Frühstück nach Hause gehen.

 

Die ganze Versammlung wünschte mir alles Gute, manche sagten so etwas wie herzlichen Glückwunsch und auf dass wir uns nicht so schnell wiedersehen, und frohe Weihnachten.

 

Ich konnte es einfach nicht fassen.

So wahnsinnig viel Glück auf einmal! Und so überraschend! Und das 5 Tage vor Weihnachten!

 

So eine unglaublich gute Nachricht versteht man so schnell einfach nicht. Ich brauchte Tage, um überhaupt zu verstehen, dass ich wieder im richtigen Leben angekommen war. Dass ich das alles tatsächlich überlebt hatte. 

 

Mein neues Leben begann mit dem allerschönsten Weihnachtsfest, welches man sich nur vorstellen kann.

 

 

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