Magenkrebs und Speiseröhrenkrebs überleben
Magenkrebs und Speiseröhrenkrebsüberleben

Eine lustige Geschichte

 

 

Zu einem Rückblick gehören sicher auch Momente, die einen zum Lachen bringen, wenn man daran zurückdenkt. An die folgende Geschichte erinnere ich mich immer besonders gern, denn sie war für mich ein Highlight in einer ansonsten nicht ganz so angenehmen Woche:

 

Im Klinikum Dortmund gab es auf der Station, wo ich meine zweite Chemo bekam, tatsächlich noch ein Fünfbettzimmer! Das letzte seiner Art aus der Nachkriegszeit, alle anderen waren bereits umgebaut. Und genau da wurde ich untergebracht, weil die Station zu der Zeit völlig überfüllt und eine Zweibettzimmerbuchung nicht möglich war.

Meine Bettnachbarn ließen schon einen interessanten Aufenthalt erwarten: ein älterer Herr, der jeden Tag an seiner Krebserkrankung sterben konnte und leblos im Bett lag, zwei Obdachlose, die auf ihre OP warteten, und ein geistig etwas verwirrter Mann, der die meiste Zeit im Haus umherlief und nach seiner Freundin rief und deshalb selten im Zimmer war. Und wenn doch, dann schlief er wegen der ganzen Sedierungsmedikamente wie ein Stein.

 

Bereits am ersten Abend musste ich zur Kenntnis nehmen, dass unsere beiden Obdachlosen offenbar einige gute Freunde auf der Straße hatten, und da wir ja trotz oder wegen 5 Betten ein sehr großes Zimmer hatten, mit 5 Stühlen, zwei Tischen und einem nicht ganz so kleinen gemeinsamen Fernseher, hatten sie bald ihre besten Freunde per Handy zu einem gemütlichen Fernsehabend eingeladen. Die erschienen dann so gegen 20 Uhr, nach dem Rundgang der Nachtschwester, schwer beladen mit Tragetaschen voller Bier und Zigaretten. Der kurze Besuch der Nachtschwester um 23 Uhr, bei dem sie die "Besucher" zum Verlassen des Zimmers aufforderte, wurde dann zu einer allgemeinen Raucherpause unten auf der Straße genutzt, danach kamen meine beiden Mitbewohner zunächst allein zurück und setzten den Fernsehabend fort. Ein dritter, der sich als Bewohner eines anderen Zimmers herausstellte, folgte ein paar Minuten später, und nun war es nicht nur laut und hell, sondern stank auch noch (für mich als Chemopatient) unerträglich nach Zigarettenrauch, und die Party ging weiter bis weit nach Mitternacht.

Ich beschloss aber, mich nicht bei der armen Nachtschwester zu beschweren, sondern am nächsten Tag alles zu versuchen, dass ich so eine Nacht nicht nochmal erleben muss.

 

Am nächsten Tag bei der Visite veranstaltete der extra hinzugezogene Oberarzt ein furchtbares Donnerwetter mit den beiden, jedoch ausschließlich wegen des Alkoholkonsums, weil sie ja jederzeit mit der OP am nächsten Morgen rechnen müssten. Das quittierten die beiden aber mit der Bemerkung "dann sollen die uns eben den Magen auspumpen" und waren fertig damit. Die Schwestern erklärten mir, dass ich leider erst am Montag in ein anderes Zimmer umziehen könne, aber heute war erst Samstag. Also noch zwei Nächte!

Glücklicherweise ergab sich am Nachmittag eine Situation so wie ich sie mir erhofft hatte: beide Obdachlose waren zum Rauchen unterwegs, der alte Herr lag wie immer wie tot im Bett, und der Verwirrte war auf Wanderschaft. Also stand ich mit meinem kompletten Gebamsel aus Schläuchen, Infusionen, Pumpe und Infusionsständer auf, stellte einen Stuhl vor den Tisch und kletterte so auf den Tisch, um den Fernseher, der hoch über dem Tisch an der Wand hing, erreichen zu können. Am Fernseher zog ich hinten das Antennenkabel mit dem Stecker nur so weit heraus, dass kein Signal mehr kam, ließ ihn aber so weit drin stecken, dass man das von unten nicht erkennen konnte.

Eine zugegeben nicht ganz ungefährliche, aber hoffentlich erfolgreiche Kletteraktion.

 

Fernseher kaputt! Und nun schnell und unauffällig wieder ins Bett.

 

So gegen 18.00 Uhr schaltete einer der beiden den Fernseher ein, aber es kam trotz langem Hin- und Herschalten kein Programm. Sofort schellte er mit der Ruftaste die Schwester herbei und beschwerte sich, der Fernseher sei kaputt. Sie solle mal einen neuen besorgen oder den Techniker rufen. Die Schwester sagte ihm jedoch sehr bestimmt, heute sei Samstag, und der Techniker sei erst am Montag wieder im Haus. Sie könne bis dahin leider nichts tun.

Puh...  Glück gehabt.

Witzigerweise nahm er dann ein Schmiermesser und fing an, an der Fernbedienung herumzupulen, während ich still in mich hineinlachte. Krankenhaus ist doch eigentlich auch lustig, dachte ich :)   Als er nach einer halben Stunde offenbar immer noch keinen Erfolg hatte, startete er einen Rundruf an alle seine Kumpels, dass man sich heute woanders treffen müsse, weil der Fernseher kaputt sei.

Wie ich später erfahren habe, fanden die nächsten Partys im Zimmer des dritten Patienten aus dieser Kombo, irgendwo auf einer anderen Station, statt. Als ich am Montagvormittag, nach zwei relativ ruhigen Nächten, in ein anderes Zimmer umzog, sagte ich der Schwester beiläuifig und augenzwinkernd, sie könne dem Techniker sagen, er brauche nur den Antennenstecker wieder richtig in den Fernseher zu stecken, oder es könne wahrscheinlich auch gleich jemand vom Stationspersonal tun. Sie sagte sowas wie "ach... Sie haben...", und mit breitem Grinsen entschwebte sie in Richtung Stationszimmer.

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